Der Sturz der Himmelsfrau

Die folgenden Auszüge aus dem Buch Geflochtenes Süßgras von Robin Wall Kimmerer erhielt ich von Birgit, Leiterin der Gemüse CSA Villach. Sie schrieb an ihre Gruppe: „Als Gärtnerin bin ich gewohnt zu ernten und das Geerntete an euch weiterzugeben. Nun ist die Zeit gekommen, wo ich eher Geschichten statt Gemüse ernte. Die erste heißt Der Sturz der Himmelsfrau.“

Abgesehen davon, dass die Geschichte zum Weinen schön ist, hat mich am meisten berührt: „Wie können wir uns allmählich in Richtung ökologische und
kulturelle Nachhaltigkeit bewegen, wenn wir uns nicht einmal vorstellen können, wie dieser Weg sich anfühlt?“ und „Sie [unsere Mitlebewesen] sind schon länger auf der Erde als wir, sie hatten schon Zeit, zu verstehen. “

***

Der Sturz der Himmelsfrau

Der Winter, wenn die grüne Erde unter einer Schneedecke zur Ruhe gebettet ist, ist die Zeit der Geschichten. Zu Beginn ruft der Erzähler diejenigen auf, die vor uns gegangen sind und die Geschichten an uns weitergegeben haben, denn wir sind nur Boten.
Am Anfang war die Himmelswelt.

Sie [die Himmelsfrau] fiel kreiselnd wie ein Ahornsame vom Herbsthimmel. Durch ein Loch in der Himmelswelt ergoss sich eine Säule aus Licht und erleuchtete ihren Weg durch die Dunkelheit. Ihr Fall dauerte eine kleine Ewigkeit. Aus Angst, oder vielleicht aus Hoffnung, umklammerte sie ein Bündel in ihrer Hand.

Wie sie so abwärts trudelte, sah sie unten nur dunkles Wasser. Doch aus dieser Leere starrten viele Augen hinauf in den plötzlichen Lichtstrahl. Sie sahen etwas Kleines darin, ein Staubkorn in dem hellen Streifen. Als es näher kam, erkannte sie eine Frau, die Arme ausgebreitet, hinter ihr eine Fahne von langem schwarzem Haar, während sie auf sie zu kreiselte.

Die Gänse nickten einander zu und erhoben sich gemeinsam aus dem Wasser, in einer Welle von Gänsemusik. Sie spürte ihren Flügelschlag, als sie unter sie flogen, um sie aufzufangen. Weit weg von dem einigen Zuhause, dass sie je gekannt hatte, kam sie in der warmen Umarmung weicher Federn, die sie sachte nach unten trugen, wieder zu Atem. Und so fing alles an.

Die Gänse konnten die Frau nicht lange über dem Wasser halten und beriefen einen Rat ein, um zu beschließen, was zu tun war. Auf ihren Flügeln ruhend, sah sie, wie alle sich versammelten: Eistaucher, Otter, Schwäne, Biber, alle möglichen Fische. Da schwamm eine große Schildkröte in die Mitte und bot ihr ihren Rücken als Ruheplatz an. Dankbar trat sie von den Gänseflügeln auf die Kuppel des Schildkrötenpanzers. Die anderen begriffen, dass sie Land als Heimat brauchte, und berieten, wie sie sie dabei unterstützen könnten. Die Tieftaucher unter ihnen hatten sagen hören, am Grund des Wassers gebe es festen Schlamm, und erklärten sich bereit, davon zu holen.

Als Erster tauchte ein Eistaucher, aber es war zu weit, und nach einer langen Zeit kam er wieder herauf, ohne etwas mitgebracht zu haben. Einer nach dem anderen boten die anderen Tiere ihre Hilfe an – Otter, Biber, Stör, – aber Tiefe, Dunkelheit und Wasserdruck überforderten noch die kräftigsten Schwimmer unter ihnen. Keuchend kamen sie wieder, ihre Ohren brausten. Manche kamen auch gar nicht wieder. Bald war nur noch die kleine Bisamratte übrig, der schlechteste Taucher von allen. Unter den zweifelnden Blicken der anderen meldete sie sich zum Tauchgang. Ihre kleinen Beinchen ruderten wild, als sie sich in die Tiefe arbeitete, und sie blieb sehr lange fort.

Alle warteten und warteten auf seine Rückkehr. Manche fingen an, das Schlimmste für ihren Verwandten zu befürchten. Schließlich stieg ein Strom von Blasen herauf und trug Bisams kleinen, schlaffen Körper an die Wasseroberfläche. Er hatte sein Leben gegeben, um diesem unbeholfenen Menschen zu helfen. Doch da fiel den anderen auf, dass seine Pfoten etwas umklammerten, und als sie sie öffneten, lag darin eine kleine Handvoll Schlamm. Die Schildkröte sagte: „Hier, legt ihn auf meinen Rücken, ich trage ihn.“

Die Himmelsfrau beugte sich vor und verteilte den Schlamm mit den Händen auf dem Panzer der Schildkröte. Gerührt von den außerordentlichen Gaben der Tiere sang sie ein Dankeslied und begann zu tanzen, ihre Füße streichelten die Erde. Das Land wuchs und wuchs unter ihrem Dankestanz, von dem Klecks Schlamm auf dem Rücken der Schildkröte, bis die ganze Erde geboren war. Nicht von der Himmelsfrau alleine, sondern aus der Alchemie aller Gaben der Tiere, gepaart mit ihrer tiefen Dankbarkeit. Gemeinsam hatten sie geschaffen, was wir heute Turtle Island nennen, die „Schildkröteninsel“, unsere Heimat.

Als guter Gast war die Himmelsfrau nicht mit leeren Händen gekommen. Noch immer umklammerte ihre Hand das Bündel. Beim Sturz durch das Loch in der Himmelwelt hatte sie die Hand gereckt, um sich am Baum des Lebens festzuhalten, der dort wuchs. Dabei hatte sie Zweige, Früchte und Samen aller möglichen Pflanzen mitgenommen. Sie verstreute sie auf dem neuen Boden und umhegte jeden sorgsam, bis die Welt nicht mehr braun, sondern grün war. Durch das Loch aus der Himmelwelt ergoss sich Sonnenlicht und half den Samen beim Keimen. Überall sprossen Wildgräser, Blumen, Bäume und Heilkräuter. Und da jetzt auch die Tiere üppig zu fressen hatten, ließen sich viele von ihnen bei ihr auf der Schildkröteninsel nieder.

Nach unseren Geschichten war wiingaashk, Süßgras, die allererste Pflanze, die auf der Erde wuchs, und ihr Duft ist eine süße Erinnerung an die Hand der Himmelsfrau. Daher wird es als eine der vier heiligen Pflanzen meines Volkes verehrt. Wer seinen Duft einatmet, dem fallen Dinge ein, von denen er nicht wusste, dass er sie vergessen hatte. Unsere Ältesten sagen, Zeremonien sind unsere Art, „uns ans Erinnern zu erinnern“; Süßgras ist darum eine kraftvolle zeremonielle Pflanze, die vielen indigenen Völkern sehr am Herzen liegt. Aber sie hat auch ihren praktischen Nutzen, aus ihr kann man wunderschöne Körbe flechten. Süßgras ist sowohl Heilkraut als auch eine Verwandte und hat dadurch sowohl einen spirituellen als auch einen praktischen Wert.

So viel Zärtlichkeit liegt darin, wenn wir einem geliebten Menschen die Haare flechten. Liebenswürdigkeit, Güte und noch mehr fließt zwischen der Flechtenden und derjenigen, deren Haar geflochten wird. Der Zopf verbindet sie miteinander. Wiingaashk wogt in Strähnen, lang und leuchtend wie frisch gewaschenes Frauenhaar. Und so sagen wir, es ist das fließende Haar von Mutter Erde. Wenn wir Süßgras flechten, flechten wir Mutter Erdes Haar, zeigen ihr unsere liebevolle Umsicht, unsere Dankbarkeit für alles, was sie uns gibt. Kinder, die die Geschichte von der Himmelsfrau von Geburt an hören, wissen bis tief ins Innerste um diese gegenseitigen Verpflichtungen zwischen Mensch und Erde.

Die Geschichte von der Himmelsfrau ist so reich und schillernd, dass sie sich für mich anfühlt wie eine unerschöpfliche Schale Himmelsblau. Sie umfasst unseren Glauben, unsere Geschichte, unsere Beziehungen. Wenn ich in diese gestirnte Schale blicke, sehe ich Bilder, die so geschmeidig ineinander wirbeln, dass Vergangenheit und Gegenwart eins werden. Die Bilder der Himmelsfrau sprechen nicht nur von unserer Herkunft, sondern auch davon, wie wir weitergehen können.

In meinem Labor hängt Bruce Kings Porträt der Himmelsfrau, Moment in Flight, an der Wand. Darauf gleitet sie auf den Flügeln der Gänse zur Erde, in ihrer Hand die Samen und Blumen. So blickt sie hinunter auf meine Mikroskope und Datenlogger. Es mag wie ein merkwürdiges Nebeneinander wirken, aber für mich gehört sie dorthin. Als Autorin, als Wissenschaftlerin und als Überbringerin der Geschichte von der Himmelsfrau sitze ich zu Füßen meiner ältesten Lehrer und lausche ihren Liedern.

Montags, mittwochs und freitags um 9:35 Uhr sitze ich normalerweise in einem Hörsaal in der Universität und doziere über Botanik und Ökologie – kurz gesagt, ich versuche meinen Studierenden zu erklären, wie die Gärten der Himmersfrau (manche nennen sie globale Ökosysteme) funktionieren. An einem ganz gewöhnlichen Morgen legte ich meinen Studierenden im Kurs Allgemeine Ökologie eine Umfrage vor. Unter anderem sollten sie die negativen Wechselwirkungen zwischen Mensch und Umwelt bewerten. Fast alle zweihundert Studierenden erklärten mit größtem Selbstverständnis, Mensch und Natur passten schlecht zueinander. Es handelte sich um Studenten im 3. Studienjahr, die sich für eine Laufbahn im Umweltschutz entschieden hatten; damit war die Reaktion nicht sonderlich überraschend. Sie kannten sich aus mit der Mechanik des Klimawandels, der Vergiftung von Boden und Wasser, der Krise des Habitatsverlusts. Später in der Umfrage sollten sie positive Wechselwirkungen zwischen Mensch und Land nennen. Die häufigste Antwort lautete „inexistent“.

Ich war verblüfft. Wie konnte es sein, dass sie sich nach zwanzig Jahren Ausbildung keinerlei positive Interaktion zwischen Menschen und Umwelt vorstellen konnten? Vielleicht hatten die negativen Beispiele, mit denen sie Tag für Tag zu tun hatten, es ihnen unmöglich gemacht, zwischen Mensch und Erde irgendetwas Gutes zu sehen. Im selben Ausmaß, wie das Land verarmt war, hatte sich auch ihr Blickfeld verengt. Als wir nach dem Kurs darüber sprachen, merkte ich, dass sie sich nicht einmal vorstellen konnten, wie positive Beziehungen zwischen ihrer Art und anderen Lebewesen aussehen könnten. Wie können wir uns allmählich in Richtung ökologische und kulturelle Nachhaltigkeit bewegen, wenn wir uns nicht einmal vorstellen können, wie dieser Weg sich anfühlt? Wenn wir uns die Freigebigkeit der Gänse nicht vorstellen können? Mit der Geschichte der Himmelsfrau waren diese Studierenden jedenfalls nicht aufgewachsen.

[…]

Die Geschichte der Himmelsfrau, die allen indigenen Völkern im Gebiet um die Großen Seen gemeinsam ist, ist ein Fixstern in der Konstellation der Lehren, die wir Original Instructions oder Ursprüngliche Weisungen nennen. Allerdings sind das keine „Weisungen“ im Sinne von Geboten oder Regeln; sie funktionieren eher wie ein Kompass: Sie bieten Orientierung, aber keine Landkarte; es ist unsere Aufgabe, diese durch unser Leben entstehen zu lassen. Was die Ursprünglichen Weisungen für unser Leben bedeuten, ist für jeden von uns und in jeder Epoche anders.

Zu ihrer Zeit lebten die ersten Völker der Himmelsfrau nach ihrem Verständnis der Ursprünglichen Weisungen: Für sie war es sinnvoll, Regeln zu haben, die die respektvolle Jagd, das Familienleben und die Zeremonien abdeckten. Ihre Maßstäbe des sorgsamen Umgangs scheinen nicht mehr zu unserer urbanen Welt von heute zu passen, wo „grün“ ein Argument aus der Werbung ist und keine Wiese. Die Büffel sind verschwunden, die Welt hat sich weitergedreht. Ich kann den Fluss nicht wieder mit Lachs bevölkern, und meine Nachbarn würden Alarm schlagen, wenn ich Feuer an meinen Garten legen würde, um Weideflächen für Wapitis zu schaffen.

Damals, als die Erde den ersten Menschen willkommen hieß, war sie ganz neu. Jetzt ist sie alt, und manche fürchten, dass wir unser Gastrecht erschöpft haben, indem wir die Ursprünglichen Weisungen aus dem Blick verloren haben. Am Anfang der Welt waren die anderen Lebewesen ein Rettungsboot für die Menschen. Heute müssen wir ihres werden. Doch die Geschichten, die uns dabei Orientierung geben könnten, verblassen in unserer Erinnerung, wenn sie überhaupt noch erzählt werden. Was würden sie heute bedeuten? Wie können wir diese Geschichten vom Anfang der Welt in unsere Zeit übertragen, die ihrem Ende so viel näher ist? Die Landschaft hat sich verändert, aber die Geschichte bleibt. Und während ich immer wieder darüber nachdenke, scheint die Himmelsfrau mir in die Augen zu blicken und mich zu fragen, womit ich im Gegenzug sie beschenken werde, als Dank für ihre Gabe, für die Welt auf dem Rücken der Schildkröte.

[…]

Vielleicht hat die Geschichte der Himmelsfrau Bestand, weil auch wir ständig fallen. Unser Leben, das persönliche und das kollektive, folgt ihrer Bahn. Ob wir springen oder geschubst werden, oder ob der Rand der bekannten Welt zu unseren Füßen einfach zerbröckelt, wir fallen, kreiseln auf neue, unerwartete Orte zu. Und obwohl wir Angst haben vor dem Fallen, stehen die Geschenke der Welt bereit, uns aufzufangen.

Bei der Auslebung dieser Weisungen sollten wir auch bedenken, dass die Himmelsfrau damals nicht alleine kam. Sie war schwanger. Da sie wusste, dass einst ihre Enkel die Welt so erben würden, wie sie sie hinterließ, arbeitete sie nicht nur für ihr Gedeihen in ihrer eigenen Zeit. Die einstige Immigrantin wurde heimisch, indem sie mit dem Land in Austausch trat, indem sie gab und nahm. Für uns alle bedeutet Heimischwerden an einem Ort, dass wir so leben, als käme es auf die Zukunft unserer Kinder an, dass wir für das Land sorgen, als hinge daran unser materielles und spirituelles Leben.

[…]

In der westlichen Tradition gibt es eine anerkannte Hierarchie der Lebewesen, und natürlich steht ganz oben der Mensch – die Krone der Evolution, die Liebling der Schöpfung – und die Pflanzen ganz unten. In der indigenen Weisheit dagegen werden die Menschen oft als „kleine Brüder der Schöpfung“ bezeichnet. Wir sagen, die Menschen haben am wenigsten Erfahrungen mit dem Leben und müssen daher am meisten lernen – wir müssen uns nach den Lehrern unter den anderen Lebewesen umsehen und uns von ihnen leiten lassen. Ihre Weisheit zeigt sich in der Art, wie sie leben. Durch ihr Beispiel lernen wir. Sie sind schon länger auf der Erde als wir, sie hatten schon Zeit, zu verstehen. Sie leben über und unter dem Erdboden, verbinden die Himmelswelt mit der Erde. Die Pflanzen wissen, wie man aus Licht und Wasser Nahrung und Medizin macht, und dann geben sie sie weiter.

Ich stelle mir gerne vor, dass die Himmelsfrau beim Ausstreuen ihrer Handvoll Samen auf der Schildkröteninsel Nahrung für den Körper aussäte, aber auch für Vernunft, Gefühl und Geist: Sie hinterließ uns Lehrer. Die Pflanzen können uns die Geschichte der Himmelsfrau erzählen: wir müssen lernen, ihnen zuzuhören.

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Sind nicht auch die Mikroben und Viren unsere älteren Geschwister und Lehrer?

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